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18.03.2021

Offener Brief der Tagesstätte für wohnungs- und obdachlose Menschen im Sozialprojekt Prenzlauer Berg: Lasst uns nicht im Regen stehen!

Mit dem Winterende wird die Berliner Kältehilfe für Menschen auf der Straße wie jedes Jahr Ende März eingestellt. Die wohnungs- und obdachlosen Frauen, Männer und Familien in der Stadt sind damit aber nicht verschwunden. Wer ist weiterhin für sie da? Wo können sie sich tagsüber an einem sicheren Ort aufhalten, ihre Wäsche waschen, Gemeinschaft und Schutz vor der Witterung finden, Essen, Duschen, Post und vor allem auch Beratung erhalten?

13 Wohnungslosentagesstätten in Berlin leisten ganzjährig eine besondere und wichtige Versorgung für Menschen am Rande der Gesellschaft – und das auch unter den schweren Bedingungen der Corona-Pandemie mit viel Engagement und Kreativität.

Doch die Tagesstätten sind notorisch unterfinanziert und wenig im Blick der öffentlichen Förderung. Mit den großen Belastungen der öffentlichen Haushalte durch die Corona-Pandemie drohen im nächsten Doppelhaushalt der zuständigen Bezirke weitere Kürzungen ausgerechnet bei den Angeboten für die Ärmsten und Schwächsten. Dabei wird durch die pandemiebedingten Firmenpleiten und Überschuldungen die Nachfrage nach Tagesstätten noch weiter steigen.

Steigender Bedarf
Das beobachtet auch Simona Barack, Leiterin der Tagestätte des Sozialprojekts Prenzlauer Berg in der Duncker-/Ecke Zelterstraße: „Wir haben immer häufiger Gäste, die früher nie in eine Wohnungslosentagesstätte gekommen wären. Dazu gehören Menschen, die durch die Folgen der Pandemie ihre Wohnung oder ihren Arbeitsplatz verloren haben und jetzt Schwierigkeiten haben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. In den vergangenen Monaten ist viel Geld in temporäre und dringend benötigte Projekte zum Schutz wohnungs- und obdachloser Menschen geflossen. Das war wichtig und richtig. Wir bitten die Bezirke nun, in der Hilfe für Menschen auf der Straße nicht nachzulassen und die wichtige Arbeit der Tagesstätten angemessen zu fördern.“

Fehlende Finanzierung - eingeschränkte Angebote
Leider konnte der Bezirk Pankow die Gelder im Haushalt 2020/2021 nicht aufstocken, sodass wichtige Angebote wie das Frauenfrühstück, die Öffnungszeiten und gemeinsame Ausflüge immer weiter eingeschränkt werden mussten. Dabei ist die Tagesstätte Prenzlauer Berg ganzjährig ein verlässlicher Anker für Menschen am Rande der Gesellschaft. Sie erreicht auch Menschen, die Beratungsstellen und Notübernachtungen nicht nutzen.

Leistungen trotz Pandemie
Mit momentan nur 1,65 Sozialarbeiter-Stellen teilt die Tagesstätte Prenzlauer Berg unter strengen Hygienemaßnahmen täglich weiterhin rund 70 Essen aus und berät jeden Tag etwa zehn Personen, um mit ihnen gemeinsam Wege aus der Wohnungslosigkeit, der Schuldenfalle und der Perspektivlosigkeit zu finden. Dazu tragen auch die 120 Postfächer in der Tagesstätte bei – denn ohne Postadresse keine staatliche Hilfe!

Forderung: zwei Sozialarbeiterstellen
Um für eine wachsende Zahl von Gästen ein Mindestmaß an menschwürdiger Unterstützung anbieten zu können, bittet Simona Barack den Bezirk Pankow eindringlich, sich bei den Haushaltsverhandlungen zum Doppelhaushalt 2022/2023 für mindestens zwei volle Sozialarbeiterstellen stark zu machen.

„Dann können wir die Öffnungszeiten von jetzt vier zurück auf sechs Stunden am Tag verlängern, das so wichtige Frauenfrühstück wieder anbieten und – sobald die Pandemie es erlaubt –, auch erneut ein Programm zur kulturellen Teilhabe für die Gäste organisieren“, sagt die Leiterin der Sozialprojekts Prenzlauer Berg.

„Wir geben unseren Gästen einen wichtigen Halt im Leben, oft den letzten. Dieser darf nicht wegbrechen. Einem Bezirk wie Pankow mit vielen einkommensstarken Haushalten sollte die Finanzierung von zwei Sozialarbeiterstellen möglich sein. Wie schnell jede und jeder von uns selbst betroffen sein kann, hat die Pandemie einmal mehr verdeutlicht“, so Barack.

Spielball der Politik
Leider werden die Tagesstätten von der Politik oft übersehen. In den Leitlinien und Strategiekonferenzen des Senats werden sie nur am Rande erwähnt. Der Senat verweist auf die Zuständigkeit der Bezirke, die Bezirke auf fehlende Mittel vom Senat.

Simona Barack: „So drehen wir Tagesstätten uns auf der Suche nach Mitteln für Wohnungslose im Kreis als Spielball im Zuständigkeits-Pingpong. Wir fordern eine angemessene und dauerhafte Finanzierung, damit wir uns auf unsere eigentliche Arbeit konzentrieren können. Denn damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur sozialen Stabilität in der ganzen Gesellschaft.“

Simona Barack fordert: „Liebe Bezirks- und Senatspolitikerinnen und -politiker, bitte lassen Sie die Tagesstätten nicht im Regen stehen!“

Steigender Bedarf in Zahlen
Seit Jahren wächst die Zahl der Gäste in der Tagesstätte kontinuierlich. Wurden die verschiedenen Angebote 2016 rund 20.000 Mal in Anspruch genommen, waren es 2019 fast 34.000 Nutzungen. Obwohl sich während der Pandemie maximal zwölf Gäste in der Tagesstätte aufhalten dürfen und so die Computer z. B. seltener genutzt werden konnten, hat das Team weiterhin viele Menschen auf dem Gehweg versorgt, sodass selbst unter diesen widrigen Umständen die Angebote in 2020 noch rund 21.000 Mal in Anspruch genommen wurden.



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